Da ich alleine war und die Strömung schon sehr zugenommen hatte, war ich etwas nervös vor dem Ablegemanöver von der Mary Winnifred. Am Ende ging aber alles glatt und war gar nicht schwer.
Ich fuhr an der Pier am Flußufer vorbei und Kinder winkten und manche salutierten. Die Sonne schien. Die Stimmung konnte kaum besser sein.
Nachdem wir die Barre passiert hatten kamen die Segel hoch und es ging mit einer schönen Nordwest Brise in die richtige Richtung. Außer einer großen Dünung aus Südwesten, die mich aber nicht weiter störte, war die See ruhig. Mit 6.5kn durchs Wasser und um die 8 über Grund flogen wir mit Wind und Tide dahin. Eigentlich der erste Tag seit dem Limfjord Eingang, an dem es nicht hart gegenan ging und wir immer in die Wellen donnern mußten. Das fühlte sich richtig toll an. Die Isle of Wight lag mittlerweile steuerbord querab in der Ferne, Amy und ich waren noch nie soweit westlich im Ärmelkanal und überhaupt sah alles gut aus.

Natürlich drehte der Wind rück auf West und der Regen kam und mit ihm die Böen und die Wellen. Bald hämmerten wir wieder in die Wellen mit ordentlich Lage und ich war mit Ein- Ausrufen beschäftigt.
Richtung und Speed waren aber immer noch gut… solange bis die Tide kippte. Es war ja Springzeit und jetzt machten wir halt nur noch 1-2kn über Grund und auch nicht mehr in die richtige Richtung. Es war ja teil des Plans, daß das eine Zeit lang passieren würde, aber wir hatten nur ein kleines Zeitfenster für das Race of Alderney neben dem Cap de la Hague. Der Reeds Nautical Almanac sagt zu diesem Gebiet, es wäre nicht anzuraten, diese Route zur Springzeit zum ersten Mal auszuprobieren, sondern lieber auf Nippzeit zu warten. Ferner stand da, daß die Overfalls (Stellen wo sich die Wellen durch die Verwurzelungen brechen) mit allen Mitteln zu vermeiden seien.
Ich wollte also mit der einsetzenden Flut am Kap sein, wenn die Strömung am geringsten ist, bevor sie wieder zunimmt. Und um mit der Tide bis nach Guernsey zu kommen (wo Zissi ja schon auf mich wartete) würde ich auch noch Zeit brauchen.
Ich war drei Stunden zu spät dran. Das bedeutete, daß die Strömung jetzt auf Full Speed geschaltet war und wir bald mit 14.5kn über Grund in unsere Richtung rasten. Ich hatte etwas Angst und wollte das Ruder jetzt nicht mehr verlassen. Nachdem ich einer Fähre ausgewichen war, von der ich nicht ausgehen konnte, daß sie mich sieht (es war mitten in der Nacht und regnete), machte ich den Fehler zu nah an der französischen Küste weiterzufahren und segelte genau in die Overfalls. Da es stockdunkel war, kam die Welle (oder besser: die zwei Wellen, die Amy auf die Seite legten) aus dem Nichts. Es ging relativ schnell. Beide Segel und der Baum waren nun unter Wasser, alles flog durch die Gegend und die Rettungsinsel riß sich los und wäre über Bord gegangen, wenn sie nicht in der Reling hängen geblieben. Als Amy sich wieder aufrichtete, war ich sicher, den Mast zu verlieren, aber unglaublicherweise blieb alles intakt. Es gab dann noch mehr interessante Wellen, aber glücklicherweise gab es keine Wiederholung unseres Experiments.
Ich hatte immer noch Hoffnung, bis St. Peter Port zu kommen, aber die Geschwindigkeit ließ nach und bald hatte ich die Tide gegen mich. Das eiserne Segel (der Motor) mußte mit fast Vollgas mithelfen. Als es hell wurde, sah ich noch einen anderen Segler, der in unsere Richtung fuhr. Das gab mir neue Hoffnung. Vielleicht konnte man es doch noch schaffen.
Die Strömung gegenan war nicht so stark wie ich befürchtet hatte und schien auch erstmal nicht stärker zu werden. Das war schonmal gut. Ich konnte jetzt auch schon Guernsey und den Little Russel Channel sehen.
Nach 22 Stunden und 118 Meilen machten wir in der Victoria Marina in St. Peter Port fest. Ich war sehr müde und auch etwas aufgewühlt aber auch sehr glücklich. Zissi und ich konnten nun endlich unseren gemeinsamen Urlaub beginnen.





















