Porto Santo

Gewitter, Starkregen und Starkwind mit entsprechendem Schwell rissen nicht ab, und das Leben an Bord war etwas beschwerlich. Auf der anderen Seite traf ich mich mich mittlerweile regelmäßig mit den beiden Hafenmeistern Martín und Pedro und dem Bootsmann des Rettungskreuzers José Manuel. Das war immer sehr nett und interessant und ich bekam weitere Informationen zu den Kanaren und Jobs dort. José Manuel war so begeistert von meiner Kurzwellenanlage, daß er sich am nächsten Tag gleich über Ebay auch ein gebrauchtes Gerät mit allem Zubehör bestellt hatte.

Ich bekam auch französische Nachbarn, mit denen ich öfter traf. Nach zwei Abenden in der Kneipe und schönen Gesprächen war allerdings mein Sprachzentrum so durcheinandergewürfelt, daß mein Französisch nicht wirklich besser geworden war, aber mein Spanisch nun von lauter französischen Wörtern gefüllt wurde. Je mehr Bier es gab, desto fließender wurde die Sprache und wir verstanden uns eh. Ich fühlte mich hier sehr wohl und hätte noch ewig bleiben können.

Mittlerweile kamen aber die Orcas nach Norden und die Gegend war plötzlich ein Hotspot. Alle waren nervös und ich ließ mich anstecken. Ein Italienischer Segler mit einem Katamaran war mit abgebissenem Ruder hereingekommen. Es war dieses Saison schon sein zweites, aber er blieb trotzdem gelassen. Ich kommunizierte mit Rui von der portugisischen Behörde und beschloß, unter Motor direkt nach Westen bis zum Verkehrstrennunsgebiet zu fahren, das zu kreuzen und dann nach Süden abzubiegen. Das Echolot blieb weiter abgeklemmt. Ich machte noch eine Tageswanderung, kaufte ein und am Montag, den 31.8. ging’s gegen Mittag los. Ich hatte sogar ein Verabschiedungskommittee am Steg. Das war sehr schön und ich vor lauter Emotion und Nervosität vergaß ich gleich mal, eine der Heckleinen loszumachen. Meine französischen Nachbarn Inès und Sylvain von der Callimorphos halfen mir schnell aus der Patsche und so ging es dann wirklich los.

Ich mußte an sehr vielen Fischern vorbei, was man laut Orcavermeidungsanweisungen unbedingt vermeiden sollte 🙂 Die Fahrt zum VTG dauerte ungefähr fünf Stunden und es gab noch sehr unangenehme hohe Wellen von dem vorangegangenen Sturm. Ich war extrem angespannt. Am VTG angekommen, mußte man weitere 5 Stunden rechtwinkling queren. Die vier Schiffahrtswege (zwei in jede Richtung) sind sehr befahren und ich hatte ordentlich zu tun. Mittlerweile waren wir unter Segeln und so mußten zwischendurch Wartekreise gedreht, Fahrt verlangsamt werden und regelmäßig Funkkontakt aufgenommen werden, um die großen wissen zu lassen, was mein Plan ist.
Als dann alles hinter uns lag ging es nach Südwesten mit viel Welle und wenig Wind, sodaß wir bald ziemlich kleingerefft waren, damit sich die Segel nicht kaputtschlugen. Zweimal am Tag konnte ich über das SSB Radio Wetterinformationen einholen. Die Vorhersage war eigentlich ideal für die ganze Zeit gewesen und wurde jetzt zunehmend böiger, aber alles in einem unbedrohlichen Rahmen. Ich wollte eigentlich, wie bei meiner letzten Reise, viel mehr machen. Interessanter kochen, Lesen, Filmen, evtl. schon den Blog anfangen, Filme schneiden etc. Es kam zu sehr wenig davon. Warum, weiß ich auch nicht.  Immerhin verpaßte ich mir einen neuen Haarschnitt und fütterte meinen blinden Passagier, eine Taube, die es irgendwie an Bord geschafft hatte und jetzt nicht mehr weg wollte.

Die Wellen wurden zunehmend höher und unangenehmer und brachen sich quasi ständig. Der Böen gingen nie über 30kn und meistens auch nicht über 25, insofern war das Wellenbild eigentlich gar nicht so passend. Es kam plötzlich ständig Wasser ins Boot und nicht wenig. Ehe ich herausgefunden hatte, woher (durch die Cockpitspeirohre) und das Problem beheben konnte, waren 24h vergangen. Ich hatte das Gefühl in den letzten zwei Jahren unendlich viel älter und unfitter geworden zu sein. Alles war irgendwie anstregend. 

Ich fing einen schönen MahiMahi. Das war ein Erfolg und ich aß zwei Tage lang morgens, mittags und abends Fisch. Als Sashimi und als gebratenes Filet.
In den letzten 48h war dann leider gar nicht mehr an Schlaf zu denken. Auch nicht die üblichen 20 Minuten. Die Wellen waren mittlerweile so steil, daß ich den Schiffsverkehr nur sehen konnte, wenn Amy und das andere Schiff sich auf dem Kamm befanden. Mein AIS Emfänger emfing auch keine Signale mehr und die anderen Schiffe sahen mich sowieso nicht. So sah ich manche Schjiffe erst, wenn wir nur noch 2 Meilen Abstand hatten. Das war extrem stressig, denn mit der Schmetterlingsbesegelung konnte ich ja meinen Kurs immer nur höchstens 30-45° in jede Richtung ändern. In einem Fall war es so knapp, daß ich den Frachter ankunken und bitten mußte, daß er den Kurs änderte. Es ist toll zu merken, wie schnell und ohne zu fragen die Wachoffiziere reagieren, wenn sie merken, daß die Kacke am Dampfen ist bei einem popligen Einhandsegler mit kleinem Schiff, das sie nicht einmal sehen. Ich habe ähnliche Erfahrung schon ein paar Male gemacht. In diesem Fall muß ich sagen, in welche Richtung sie ihren Kurs ändern sollen und um wieviel Grad und das machen sie dann auch. Es sieht sehr beeindruckend aus, wie sich der riesige Bug in dem Seegang nach Stb dreht, erst beide Lichter auf uns zu fahren und dann weiter drehen und hinter unserm Heck vorbeigehen.

Wir kamen sehr gut voran und mußten die letzten 12h noch weiter reffen, um nicht im Dunkeln anzukommen. Das Wetter war düster und unheimlich und alles völlig anders, als bei meiner letzten Reise hierher. Den Leuchtturm konnte ich erst 10 Meilen vorher sehen. Ich rief aber trotzdem “Land In Sicht!!”, denn ohne das fühlte sich alles irgendwie nicht richtig an.
Ich war davon ausgegangen, daß der Starkwind sofort nachläßt, wenn man um die Ecke der Insel fährt. Das war leider nicht der Fall, aber immerhin war die Welle weg. 
Ich funkte den Hafen an und wurde gebeten draußen zu warten, bis die Fähre aus Madeira festgemacht hatte. Sie hatten einen Platz im Hafen für mich und ich war überglücklich, jetzt erstmal in Ruhe schlafen zu können. Es war aber niemand da, um zu helfen und so fuhr ich vier oder fünfmal in die. Gasse und wieder heraus, um einen Zeitpunkt ohne Böe abzupassen, die mich völlig unkontrolliert in die anderen Schiffe gedrückt hätte. Es lief dann am Schluß ohne Zwischenfälle, aber für meinen Geschmack hätte es gerne ein bißchen weniger aufregend sein dürfen. Nachdem (für Schengen Europa) ziemlich aufwendigen Einklarierungsprozeß schlief ich den Rest des Tages, wachte im Dunkeln auf, ging ein großes Bier trinken und schlief weiter. 

Die nächsten Tage waren weiter stark böig und ich merkte, daß der Platz im Hafen alles andere als ruhig und entspannt war. Trotz Ruckdämpfer ruckten die Leinen so hart ein, daß eine meiner Leinen riß und auch die eine Klampe am Steg aufgab (und Amy ist ein sehr leichtes Schiffchen). Ich besorgte eine andere Klampe und schraubte sie am Steg fest und hatte mittlerweile die meisten Leinen verdreifacht. Die Böen wurden stärker und schlafen wurde zunehmends schwieriger und unruhiger. Nach fünf Tagen beschloß ich, rauszufahren und zu ankern. Das war eine gute Entscheidung und für zwei Tage war die Welt in Ordnung. Ich machte eine sehr schöne Wanderung, spielte mit den anderen Seglern Billard, traf mich im Hafencafé, und sah Bekannte von vor drei Jahren wieder. Ich lernte auch Beth und Gary aus den USA und England und Helga und Herry aus Deutschland kennen und spielt mit Gary und Herry Gitarre und letzten Dienstag gab es ein Konzert auf der Kaimauer. Das war alles sehr schön.

Ab Mittwoch sollte wieder Starkwind kommen. Es scheint hier so zu sein, daß, wenn der Wind im Norden der Insel eine bestimmte Geschwindigkeit überschreitet, schafft er es, über den Berg zu kriechen und mit viel höherer Geschwindigkeit, den Berg als Fallböe wieder herunterzurasen. Wenn also der Wetterbericht 18kn Mittelwind und in Böen 25kn vorsieht sind es hier 4-5kn und Böen von 35-40kn. Die Böen kommen allerdings alle paar Minuten, man bekommt nicht viel Ruhe zwischendurch.
Ich hatte das kommen sehen und eigentlich vorgehabt, vorher in Richtung Madeira oder Kanaren aufzubrechen, allerdings wollte ich auch so gerne noch ein bißchen was unternehmen auf der Insel. Obwohl ich schon eine Woche hier war, hatte ich mehr Zeit mit Angst um Leinen und Anker verbracht, als mit Unternehmungen. Außerdem lockte das alljährliche Kolumbusfest, von dem alle sagten, daß es sich unbedingt lohnen würde, allein schon, um die Santa Maria landen und Kolumbus am Strand ankommen zu sehen. Ich beschloß also, zu bleiben. 
Seitdem (vor fünf Tagen) habe ich nicht mehr richtig geschlafen. Wenn, dann tagsüber zwischendurch kurz. Nachts war es am Schlimmsten. Die Fallböen erwischten Amy hauptsächlich von der Seite. Das fühlte sich an wie eine Kollision mit einem Lastwagen, der mit 70km/h angerollte kommt. Dann nahm Amy richtig Fahrt auf, ruckte in die Ankerkette ein, drehte sich auf die andere Seite und wurde dort von der nächsten Böe erwischt, und das Spiel begann von Neuem. Das ging jetzt fast fünf Tage so und seit heute Mittag ist Ruhe und ich bin extrem erleichtert und freue mich auf richtigen Schlaf. Es sehr schwer, mich an Bord auf etwas zu konzentrieren, wie z.B. Lesen, Blog schreiben, irgendwas Konstruktives machen. Daher habe ich immer nur das Nötigste gemacht wie Peilungen checken, die Leinen naßmachen, Ankerkette checken usw. und war extrem niedergeschlagen. Mittlerweile war auch alles rot vom Saharastaub und eines Morgens hatte ich Sand in Nase und Augen und verstand erstmal gar nicht, was los war.
Die Santa Maria mit Kolumbus konnte wegen dicken Wetters nicht kommen. Kolumbus wurde aber in einem historischen Ruderboot vom Hafen zum Strand geschleppt, wo er an Land gehen sollte und kenterte dann in der Brandung. Das Fest war schön, aber ich war dauernd unruhig, Amy alleingelassen zu haben. Außerdem war die gesamte Musik für Kolumbus Landung und die Tanzveranstaltungen KI generiert und das hat auch nicht zur besseren Stimmung meinerseits beigetragen.
Jetzt habe ich beschlossen, noch ein bißchen zu bleiben, die Ruhe zu genießen und entspannt auf der Insel Dinge zu unternehmen. Darauf freue ich mich sehr und die Stimmung steigt, nachdem sie tagelang im Keller war und ich mittlerweile auch schon ein paar Tage nicht mehr an Land war. Heute früh kamen meine Nachbarn Beth und Gary vorbei um zu fragen, ob alles ok wäre und ob sie mit etwas helfen können. Das war sehr schön. Zissi mußte sich mein Gejammer jeden Tag anhören, und half mir alles etwas entspannter zu sehen. Gerade gab es Eier mit Bohnen, Reste aus dem Schrank, nachdem ich alle Kekspackungen aufgefuttert hatte und jetzt habe ich den Blog auf dem Neuesten Stand und werde an Land fahren, hurrah!


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